Institut für Historische Theologie

Dissertationsprojekte

Dissertationsprojekt von Kerstin Groß

Das Verhältnis zwischen Huldrych Zwingli und Martin Luther ist immer wieder Gegenstand der reformationsgeschichtlichen Forschung gewesen. Die vergleichende Beschäftigung mit den beiden wichtigen Exponenten der reformatorischen Bewegung hat dabei sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede innerhalb der theologischen Positionen festgestellt und zu erklären versucht. Diesen Konvergenzen und Divergenzen geht die geplante Dissertation auf dem Gebiet der reformatorischen Ethik mit einer Fallstudie nach.

Während sich Zwingli 1523 mit der Unterscheidung zwischen göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit grundlegend zu seinen (sozial-)ethischen Grundprinzipen sowie dem Verhältnis zwischen Evangelium und weltlicher Obrigkeit äußerte, legte Luther im gleichen Jahr in Form der Obrigkeitsschrift einen vergleichbaren Entwurf vor. Ein eingehender Vergleich dieser Schriften legt sich aufgrund der zeitlichen Nähe und aus sachlichen Gründen nah, da beide ausführliche exegetische und grundlegende Überlegungen zur Thematik darstellen. Ob diese Entwürfe aber von ähnlichen Grundeinsichten ausgehen oder ganz eigene Wege bei der theologischen Theoriebildung beschreiten, ist in der Forschung bislang umstritten. Angesichts der divergierenden Forschungsmeinungen ergibt sich daher das Desiderat, die Unterschiede und Parallelen zwischen den beiden Konzeptionen zu untersuchen und zu klären. Ziel des Dissertationsprojektes ist es, die Inhalte und das Proprium der beiden Konzeptionen herauszuarbeiten und damit einen schärferen Blick auf die theologische Ethik der beiden Reformatoren in ihrem spezifischen Bezugshorizont zu werfen.

 

 

Die Zeit um 1700 ist für die Geschichte des Christentums in der Schweiz auch eine Phase des Umbruchs. Politische und soziale, wirtschaftliche und kirchlich-religiöse Enttäuschungen verbanden sich mit der Sehnsucht nach neuer Sinngebung und der „Hoffnung auf bessere Zeiten“ zu oft innovativen, teils auch oppositionellen, immer breitere Kreise erfassenden Bewegungen. Mit dem Täufertum und dem Pietismus lassen sich an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert in Bern zwei Beispiele solcher religiöser Bewegungen beobachten, die mit einer Stärke und einem Profil auftraten, dass sie beide von Obrigkeit und Kirche vehement bekämpft wurden.

Durch das räumlich und zeitlich gemeinsame Auftreten von Täufertum und Pietismus können am Beispiel Berns Konvergenzen und Divergenzen, aber auch die Interaktionen und Interdependenzen zwischen diesen beiden europaweit bedeutsamen Bewegungen auf eine Weise verglichen werden, wie das andernorts kaum möglich ist. Für die turbulenten Jahre zwischen 1700 und 1720 sind beide Bewegungen in Bern allerdings noch kaum eingehender untersucht worden. Da in der bisherigen Forschung Täufertum und Pietismus je für sich studiert und entsprechend eigene Forschungstraditionen ausgebildet wurden, soll ein stärker komparativer Ansatz zum Zug kommen.

Das Forschungsprojekt setzt sich zum Ziel, in der genannten Zeit die Ereignisse, die Argumentationslinien und die Verhaltensweisen von politischer und kirchlicher Obrigkeit sowie von kirchlichen und ausserkirchlichen Dissidentengruppen zu erforschen. Untersucht wird, wie in einer gesellschaftlich umbrechenden Zeit etablierte politische, gesellschaftliche und religiöse Kreise mit abweichenden Minderheiten umgingen (und umgekehrt) und welche Rolle Religion im Rahmen solcher Transformationsprozesse einnehmen konnte. Damit greift das Projekt eine Reihe von wiederholt formulierten Desideraten der neueren internationalen Forschung auf und versucht zugleich, eine immer wieder beklagte Lücke in der Kenntnis der schweizerischen Kirchen-, Mentalitäts- und Sozialgeschichte zu schliessen.

Dissertationsprojekt von Maria Lissek

Die Entstehung des Christentums ist verbunden mit innerchristlichen und interreligiösen Fragenkomplexen durch den Austausch mit und der Abgrenzung von seiner Umwelt. Diese Tendenzen sind aber nicht auf die Formationsepoche begrenzt. Vielmehr werden jene inhaltlichen Auseinandersetzungen auch im Mittelalter, unter anderen in literarischen Religionsdialogen, verarbeitet. Charakteristisch für diese Dialoge ist die literarisch fiktionale Konfrontation christlicher Akteure mit Vertretern anderen Glaubens oder anderer Weltansichten über philosophisch-theologische Fragestellungen. Dass diese Dialoge relevant für eine christliche Selbstvergewisserung waren bzw. heute noch sein können, wurde in der Forschung bisher kaum berücksichtigt. Im Rahmen des Dissertationsprojektes sollen daher die Zusammenhänge der Darstellung (expliziter oder impliziter) christlicher Identität aufgezeigt werden. Die hieran zu beobachtenden identitätsstiftenden Aspekte können Aufschluss über die Rolle interreligiöser Begegnungen für ein christliches Selbstverständnis geben. Methodisch wird dabei anhand der Quellen ein differenzierter Fragenkatalog erarbeitet, der verschiedene Perspektiven des Forschungsanliegens beleuchtet. Das methodische Vorgehen konzentriert sich dabei anhand der literarischen Analyse auf die Mehrdimensionalität der christlichen Selbstinszenierung und ihrer Identitätsstiftung und bringt sie mit Methoden der Quellenkritik in einen Zusammenhang. Die erörterte Fragestellung soll anhand multilateraler Religionsdialoge erarbeitet werden. Grundlegend sind dafür folgende mittelalterliche Religionsdialoge: Disputatio Iudaei et Christiani sowie Disputatio christiani cum gentili de fide Christi von Gilbert Crispin, Dialogus contra Iudaeos von Petrus Alfonsi und Collationes sive dialogus von Petrus Abaelard.

 

Betreuerin: Prof. Dr. Katharina Heyden
Beginn: Juni 2014
voraussichtlicher Abschluss: September 2017

Dissertationsprojekt von Nadja Heimlicher

Gegenstand der geplanten Dissertation ist Gregor von Nazianzens Verständnis von Gottes unfassbarem Wesen und Gottes wahrnehmbarem Wirken.

Seit der Antike wird die christliche Theologie von einem Paradox bewegt: Einerseits gilt Gottes Wesen unfassbar und unerkennbar. Andererseits beschreiben Theologen es als zentralen Glaubensinhalt, dass der gänzlich transzendente Gott ins Immanente eintritt und durch sein Wirken erfahrbar wird. Die Gegensätzlichkeit der beiden Sachverhalte stellt ein logisches Problem dar, das Theologen zu einer Lösung herausfordert. Ein Versuch, innerhalb dieser Spannung sprachfähig zu werden, ist die Lehre vom Wesen und den Energien Gottes: Durch die Unterscheidung von Gottes unbegreifbarem Wesen und seinem erfahrbaren Wirken soll beides zusammen denk- und aussagbar gemacht werden.

In der Diskussion um die Unterscheidung von Wesen und Wirken Gottes kommt Gregor von Nazianz eine zentrale Rolle zu. So sieht z.B. der orthodoxe Theologe Ioannis Zizioulas den Ursprung einer christlichen Energienlehre bei ihm (Zizioulas, Being as Communion, 1985, S.91). 
Anhand von ausgewählten Quellen soll herausgearbeitet werden, a) inwiefern die Unterscheidung von Gottes unbegreiflichem Wesen und Gottes erfahrbarem Wirken in Gregors Werk relevant ist und b) was diese Unterscheidung in konkreten theologischen Fragestellungen leisten kann.

In einem ersten Schritt nach den Methoden der historischen Quellenkritik wird untersucht, wie Gregor in seinen Reden (bes. or. 27-31) die Begriffe οὐσία und ἐνέργεια/δύναμις und ihre Äquivalente verwendet und welchen theologischen Rahmen er mit ihnen absteckt. Im zweiten Schritt werden Gregors sprachliche Bilder im Zusammenhang mit Gottes Wesen und Gottes Wirken untersucht: Geht der Theologe in seinen Reden und in seinen poetischen Schriften möglicherweise motivisch weiter als er es terminologisch vermag?

Dissertationsprojekt von Gergely Csukás

Ziel des Forschungsprojektes ist die Analyse einer der auflagenstärksten und erfolgreichsten Zeitschriften der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts: die „Sammlung auserlesener Materien zum Bau des Reiches Gottes“, die unter verschiedenen Namen von 1731 bis 1761 erschienen ist. Zwei Redaktoren – und vor allem der letzere – prägten die Zeitschrift, die beide Pastoren aus der protestantischen Diaspora aus Teschen, Schlesien, waren: Traugott Jerichovius (1696-1734) und Johann Adam Steinmetz (1689-1762). Sie hatten ein deutlich hallisch-pietistisch-protestantisches Profil und dabei einen transnationalen, transatlantischen und transkonfessionellen Zugriff. Ziel der Arbeit ist es, den eschatologischen und den heilsgeschichtlichen Charakter der veröffentlichten Nachrichten aus aller Welt herauszuarbeiten. Diese Nachrichten wurden konsequent aus dem pietistischen Verständnis des Reiches Gottes heraus interpretiert. Themenfelder der Nachrichten waren (Auswahl): Erweckungsbewegungen (Great Awakening in Nordamerika, Methodismus in England), weltweite Mission (etwa Indien oder Nordamerika), Anzeichen der Schwächung des Papsttums (Jansenismus in Frankreich), Verfolgung der Protestanten (Salzburger Emigration, Hugenotten), Übersetzung und Verbreitung von Bibeln, Einrichtung von Waisenhäusern. Absicht der Pietisten war es, in Zeiten der zunehmenden Rationalisierung der Theologie und der Kirche den Lesern Hoffnung zu vermitteln, dass Gott seine Verheissungen zum Ziele führt und dies ganz real in Raum und Zeit. Schnittpunkte ergaben sich dabei mit der Orthodoxie und mit der Aufklärung. Pietistische Zeitschriften sind zwar nach ihren medialen Aspekten recht gut erforscht, nicht aber nach ihren Inhalten. Diesem Desiderat soll das Projekt, das bis Sommer 2017 dauern wird, entsprechen.

Dissertationsprojekt von Dr. Marcel Köppli

Die rasante Industrialisierung im 19. Jahrhundert führte auch in der Schweiz zu einschneidenden Veränderungen: wirtschaftliche Entwicklung und Wohlstand auf der einen, Verelendung auf der anderen Seite. Um die gravierenden sozialen Auswirkungen der Industrialisierung zu bekämpfen, propagierte eine Gruppe protestantischer Unternehmer unter der Leitung des Basler Seidenbandindustriellen und Ratsherrn Karl Sarasin (1815–1886) einen «christlichen Patriarchalismus». Auf dem Hintergrund der kontroversen Auseinandersetzungen der Kirchen mit der sozialen Frage erforscht Marcel Köppli das sozialpolitische Anliegen dieser protestantischen Unternehmer und ergründet, wieso die Konzeption des «christlichen Patriarchalismus» letztlich scheitern musste.

Rezensionen, Interviews und Buchtipps zur Publikation «Köppli, Marcel: Protestantische Unternehmer in der Schweiz des 19. Jahrhunderts. Christlicher Patriarchalismus im Zeitalter der Industrialisierung (Basler und Berner Studien zur historischen Theologie 74), Zürich 2012»

Stand Februar 2016

Rezensionen

  • Billerbeck, Ewald: Der fromme Patron. Karl Sarasin – Sozialkonzepte eines Basler Unternehmerpatriarchen, in: Basler Zeitung, 23.4.2012, 35.
  • Franc, Andrea: Rezension, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 63, 1 (2013), 150–152.
  • Forster, Thomas R. V: Book review «Protestantische Unternehmer», in: Journal of the Evangelical Theological Society 55, 4 (2012), 894–899.
  • Guggisberg, Ernst: Rezension, in: Argovia. Jahresschrift der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau 124 (2012), 265f.
  • Hafner, Urs: Sozialpatriarchale Unternehmer, in: Neue Zürcher Zeitung, 2.8.2012, 53.
  • Ilić, Angela, Rezension, in: Blätter für pfälzische Kirchengeschichte und religiöse Volkskunde 82 (2015), 185f.
  • Kranich, Sebastian: Rezension, in: Zeitschrift für Evangelische Ethik 3, 57 (2013), 222f.
  • Lemmenmeier, Max: Rezension, in: Traverse Zeitschrift für Geschichte – Revue d'histoire, 3 (2013), 170–172.
  • Meyer zu Bargholz, Annette: Fromme Industrielle. Unternehmer im Zeitalter der Industrialisierung, in: Kirchenbote, 6 (2012), 2.
  • Wolf, Walter: Sackgasse Patriarchalismus. Studie zum protestantischen Ringen um die soziale Frage im 19. Jahrhundert, in: Reformierte Presse 27, 6 (2013), 11.

 

Interviews

  • Landis, Stephan: Protestantismus als Krisenprophylaxe? Unternehmer des 19.  Jahrhunderts können Impulse für aktuelle wirtschaftsethische Diskussionen geben, in: Reformierte Presse. Wochenzeitung der reformierten Kirchen, (22) 2012, 5.
  • Landis, Stephan: Imprenditori protestanti. La Svizzera industriale e l’apporto protestante, in: Voce evangelica. Mensile della Conferenza delle Chiese evangeliche di lingua italiana in Svizzera 14, 7/8 (2012).
  • «Christliche Unternehmer im Zeitalter der Industrialisierung» Interview (zweimal ausgestrahlt am 16.11.2012 auf www.erf-medien.ch)

Buchtipps

  • Schneiter, Stefan: «Diskret als Christ wirken». Wie Firmenchef Dietrich Pestalozzi in Zeiten der Gewinnmaximierung seine christliche Gesinnung lebt, in: Reformiert. Evangelisch-Reformierte Zeitung für die Deutsche und Rätoromanische Schweiz, 6 (2012), 2.
  • Christliche Unternehmer als Patriarchen, in: VCU Aktuell. Newsletter der Vereinigung Christlicher Unternehmer der Schweiz (3) 2012, 5.
  • Karl Sarasin und die soziale Frage in Basel, in: Mission 21. Nachrichten (2) 2012, 7f.
  • Schenk, Christian: Christliche Patriarchen im Zeitalter der Industrialisierung, in: Notabene. Zeitschrift für die Mitarbeitenden der Zürcher Landeskirche, (6) 2012, 14.

Dissertationsprojekt von Dr. des. Sophie Caflisch

Verteidigt im Februar 2016 unter dem Titel:

Ludi congrui: Spiel und Spielen im mittelalterlichen Unterricht

In meiner Dissertation habe ich anhand eines sehr heterogenen Quellenkorpus die Bedeutung aufgearbeitet, die dem Spiel und dem Spielen in der mittelalterlichen Bildungstheorie und Bildungspraxis zukamen. Beachtet wurden Erziehungstraktate, Fürstenspiegel und Unterrichtsmaterialien aller Art, daneben auch philosophische Abhandlungen, chronikalische und literarische Zeugnisse sowie in einigen Fällen Traktate, die sich auf eine bestimmte Spielform beziehen. Spiel wurde dabei mit Roger Caillois als vergnügliche, ergebnisoffene, fiktive und konsequenzverminderte Handlung verstanden und umfasst somit nicht alle Aktivitäten, die im Lateinischen als ludus bezeichnet werden. Meine Befunde lassen sich in eine neue Forschungsrichtung einordnen, die den Antagonismus von Kirche und Spiel im Mittelalter sehr stark revidiert hat.

Es hat sich gezeigt, dass fast allen Spielformen sowohl in der monastischen als auch in der scholastischen und höfischen Bildung eine deutlich grössere Bedeutung zukam als in der älteren Forschung angenommen, und dass der Einsatz von Spielen zur Vermittlung von Fertigkeiten, Normen und Wissen auch ausführlich theoretisch reflektiert wurde. Bewegungsspiele, insbesondere das Ballspiel, wurden über Jahrhunderte als gesundheitsfördernd und säfteausgleichend für Schüler aller Alter empfohlen. Oft wurde auch im höfischen Kontext explizit darauf hingewiesen, dass Bewegungsspiele nicht etwa als Vorbereitung auf die Waffenführung zu dienen hätten, sondern der Gelassenheit und Weisheit des Herrschers. Hinsichtlich der Spielnormen war der Diskurs zur aristotelischen Tugend der Eutrapelie wirkmächtig, die den Spieler mit dem Vermögen ausstatten sollte, ehrenvolles von unwürdigem Spielen zu unterscheiden und dafür stets die richtige Zeit, den richtigen Ort, die richtigen Mitspieler und das richtige Mass zu erkennen. Auch wurde die Bedeutung sowohl einfacher als auch komplexer Spielformen für die Vermittlung von sprachlichem und mathematischem Wissen diskutiert. Diese hielten mittelalterliche Gelehrte für dermassen produktiv, dass etliche unter ihnen eigens Spielformen kreierten, die der Vermittlung dieser Wissensbestände dienten.

Insgesamt zeigte sich ein ausgeprägtes Bewusstsein für die Bedeutung des Spielens für den Lernprozess bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.